Neues aus der Akademie

Der Zauber der ersten Seite

(Kommentare: 1)

Was Ihr vielleicht noch nicht so wisst, ich bin nicht nur Autorin, sondern auch Vielleserin - dh., etwas weniger viel als ein bisschen früher, aber das Altern lässt halt niemanden aus, wisst Ihr ja. Weinend

Was soll's, es muss immer noch regelmäßig genügend neuer Lesestoff her. Und ich bin da wirklich sehr offen - ich habe meine Lieblingsgenres, aber das war's auch schon. Bekannte/unbekannte Autorin*, Arktis oder Äquator, Gegenwart, Urgeschichte oder irgendwas dazwischen, Liebe, Frieden, Krieg oder Kochen, alles darf sein.

Wann will ich etwas unbedingt lesen?

Aber da ist ein wirklich wichtiger Punkt, anhand dessen ich mich entscheide: WIE wird die Geschichte erzählt? Mag ich das gern lesen? Wie drückt sich die Autorin sprachlich aus? Wie zieht sie mich in ihren Bann? Klingt was Neues an, das ich noch nicht kenne, mich aber neugierig macht - will ich das unbedingt kennenlernen, indem ich den Roman lese?

All dies muss für mich einfach von Anfang an stimmen. Das ist der Zauber der ersten Seite - ich will verzaubert werden.

Möglichst keine Leser finden?!

Okay, gehen wir es von ganz arg bis relativ okay durch: Unentschlossen

Das Schlimmste sind 1001 Fehler auf der ersten Seite. 97 falsche Beistriche auf 1 Seite, Tippfehler großzügig über jeden Absatz verteilt - das Buch hat keine Chance.

Wortwiederholungen, die Sprache ist banal - er sagte, machte, tat - oder ein aktuelles Beispiel: Der Anrufer rief etwas. Kann mich nicht reizen. Buch landet zurück am Stapel.

Die Handlung klingt schon auf Seite 1 wie ein Aufguss aus 1001 Buch. Sorry, not sorry - weg damit.

Die Heldin ist völlig uninteressant, ihr Problem ist eigentlich keines - keine Chance.

Meine Tipps für die erste Romanseite

Wie schreibt Ihr nun eine klasse erste Seite?

  • Für eine unwiderstehliche erste Seite braucht Ihr natürlich auch einen unwiderstehlichen Roman. Also: eine interessante Heldin, die etwas Neuartiges erlebt - durchaus im Rahmen der üblichen Genre-Gegebenheiten. Lasst Euch ein auf Neues: Ein anderes Setting, einen interessanten Aspekt einer bekannten Handlung. Beispiel: Liebesgeschichte - Boy meets Girl, okay, kennen wir. Was aber passiert, wenn er Flüchtling ist - und sie aus einer konservativen Familie stammt?
  • Zeigt mir einen ersten andeutenden Blick auf das, was ich als Leserin (oder LektorinZwinkernd) im Roman mit-erleben werde. Hier kann man mit Vorausdeutungen arbeiten, man kann auch Stimmungselemente verwenden (das allseits beliebte Wetter? Naja, ich weiß nicht ... Unschuldig).
  • Stellt Eure Heldin vor ein Problem, das sie dringend lösen muss - das mich so neugierig macht, dass ich wissen will, ob sie es schafft. Gebt ihr damit ein Ziel.
  • Bleiben am Ende der Szene Fragen offen? Fragen sind wesentlich, damit ich neugierig bleibe.
  • Übrigens: Es lohnt sich, darüber nachzudenken, mit welcher Szene Ihr am besten einsteigt. Soll es wirklich die geplante Szene sein - vielleicht ist etwas davor oder danach spannender?
  • Warnung vor Info-Dump: Macht mich neugierig - aber erklärt mir nicht alles gleich!
  • Mut zu Perspektivenwechsel: Ja, man wechselt Perspektiven nur szenen-/kapitelweise. Aber wo steht geschrieben, dass die Perspektive des 1. Kapitels jene sein muss, die im restlichen Roman im Vordergrund steht? Regel für die Perspektivwahl ist sowieso immer: Aus wessen Sicht ist das Geschehen am interessantesten, weil spannendsten für die Leserin?
  • Und das Banalste nun zum Schluss - weil wir vorher damit begonnen haben: Überarbeitet das verd*** Manuskript! Mehrmals. Als Leserin fühle ich mich verarscht, wenn jemand sein Buch in Erstfassung raushaut. Mein Tipp: Dreimal überarbeiten mindestens (wenn Ihr ein Lektorat und Testleserinnen habt). Raus mit Rechtschreibfehlern, Beistrichfehlern, Wortwiederholungen, Tempusfehlern. Feilt an Eurer Sprache - erarbeitet Euch Euren eigenen Stil! (Aber deklariert um der Göttin der Autorinnen willen bitte nicht Eure Fehler als 'Stil'!) Kümmert Euch um Handlung, Figuren - einfach alles.

Habt Ihr noch weitere Tipps und Erfahrungswerte, wie Ihr Eure ersten Romanseiten aufzieht?

*) Der einfacheren Lesbarkeit wegen wird hier die weibliche Form verwendet - Männer sind mitgemeint.

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Kommentar von Karl-Heinz Zimmer |

☺Ich mag Deinen Text sehr, vielen Dank.
(Bin derzeit am 'sondieren', ehe ich selber dann irgendwann anfange, ein wenig zu schreiben.)
Du hast ja schon selber darauf hingewiesen, dass wichtig ist, WIE gut sich die erste Seite liest.
Mein Wunsch (und Rat an Schreibende) ist einfach und schwierig zugleich:

Versuche, gleich zu Beginn eine Art leiser Magie einzuweben!

Magie durch besonderen Rhythmus, eine Art "Poesie in Prosa", wobei die ersten Sätze fast wie ein Lied klingen oder ein Gedicht, auch wenn sie keine Reime sind und "einfach so" als Prosa geschrieben.

Oder: Magie durch ungewöhnliche, neugierig machende Stimmung.
"Sie erwachte mit leisem Staunen. Selten hatte ein Werktagmorgen sie so froh gestimmt und sie benötigte einen Moment, den Grund wieder zu erinnern."

Ich mag halt beim reinschauen in der Buchhandlung etwas, das neugierig macht, ungewöhnlich ist und eine besondere Stimmung hat.

Lieben Gruß aus Heidelberg
Karl-Heinz